Murmel vertikalDie Technik der Idiolektik

Hier werden einige wichtige technische Merkmale der Idiolektik beschrieben.

1. Eigensprache

2. Schlüsselwörter

3. Ressourcenorientierung

4. einfache, offene, konkrete Fragen


Die Eigensprache:

Idiolekt bedeutet Idio = eigen, lekt = Sprache, also Eigensprache. Idiolektik ist die Lehre und Methode des eigensprachlichen Interviews. Die Eigensprache oder der Idiolekt ist der Fingerabdruck der Sprache. Der Dialekt entspricht der sprachlichen Eigentümlichkeit einer Region. Der Soziolekt ist die sprachliche Eigentümlichkeit z.B. einer Bevölkerungsschicht oder einer Berufsgruppe. Der Idiolekt ist die sprachliche Eigentümlichkeit eines Individuums. Wir kennen neben dem Idiolekt die Idiomotorik, was den individuellen Bewegungsgewohnheiten eines Individuums entspricht.

Der Idiolekt umfasst dabei sämtliche Anteile sprachlicher und nicht-sprachlicher Äußerungen. Es werden folgende Bereiche des Idiolektes unterschieden: verbale Äußerungen (alle sprachlich-semantischen-tonalen Mitteilungen), nonverbale Äußerungen (alle gestischen und mimischen Mitteilungen), paraverbale Äußerungen (alle sprachmelodischen, intonalen Mitteilungen) und präverbale Äußerungen. Letztere sind von besonderer Bedeutung, weil wir sie so gern versuchen, sie zu ignorieren und es doch kaum gelingt. Prä-verbal, also vor-dem-Wort, meint all die Mitteilungen, die ich unabhängig von Sprache, Intonation, Gestik und Mimik wahrnehmen kann, wenn ich mich in der Begegnung mit einem Menschen befinde. Diese haben in der Regel eine gefühlte Qualität werden vielfach als innere Gestimmtheit oder Stimmung in Brust oder Bauch wahrgenommen. Es handelt sich um Übertragungen einer inneren Gestimmtheit. Da wir äußerst rational konditionierte Wesen sind, vertrauen wir vielfach allein den Wahrnehmungen des Verstandes (was durch den Sehsinn und Hörsinn dorthin vermittelt wird) und können häufig von den gefühlten Wahrnehmungen wie abgeschnitten sein. Dabei verlieren wir einen wichtigen Wahrnehmungskanal, der sich dann vielfach durch die Hintertür atmosphärisch wieder einfindet und unsere Fragen oder Begegnungen mit beeinflusst.

 

Schlüsselwörter: Murmel vertikal2

Die Sprache setzt sich zusammen aus Schlüsselwörtern. Wir können höchstens 20% unseres sprachlichen Ausdrucks bewusst steuern. Die übrigen 80% vollziehen sich nach eigenen Gesetzmäßigkeiten, Gewohnheiten, Konditionierungen usw. Gleichzeitig ist die Eigensprache überaus präzise, vermutlich weil der Verstand nur in sehr begrenztem Umfang auf die Sprachgestaltung einwirken kann. Schlüsselwörter sind Wörter, die in einer besonderen Weise geladen sind mit Bedeutung, Emotionen und Bezügen zur eigenen Lebenswirklichkeit. In einem Idiolektischen Gespräch lassen sich  Schlüsselwörter an folgenden Kriterien erkennen:

  1. Konkret: je abstrakter ein Wort (z.B. Schönheit) ist, um so mehr wird mein Gesprächspartner seinen denkenden Verstand einsetzen, um diesen Begriff zu beschreiben. Je konkreter das Schlüsselwort ist, um so weniger wird Verstand und Zensor eingeschaltet.
  2. Bildhaftigkeit: in der Bildhaftigkeit verdichtet sich Bedeutung. Sie ist über das Bild leicht zugänglich, weil wir es ohne große intellektuelle Anstrengungen uns vor-stellen und so beschreiben können. Ein Gespräch, das auf dieser bildhaften Ebene geführt wird, wird als paralogisches Gespräch bezeichnet (siehe unten).
  3. Vermeintlich unverfänglich: wir können nie mit Sicherheit sagen, ob ein Thema verfänglich (d.h. problemgeladen) oder unverfänglich ist. Hier spielt die präverbale Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Letztlich entsteht über ein Schlüsselwort Resonanz zu einem anderen Menschen, weil es in einem Bedeutungsbezug zu beiden Gesprächspartnern steht. Die Wörter, die ich in einem Gespräch wahrnehme haben natürlich auch etwas mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun. Von daher empfiehlt es sich bei der Auswahl eines unverfänglichen Schlüsselwortes darauf zu achten, dass es sowohl für den anderen als auch für mich unverfänglich ist.
  4. Ressourcen orientiert: d.h. es knüpft an Bereichen an, wo ich Talente und Fähigkeiten vermute. Das Schlüsselwort finden wir in der Regel auf der von Sonnen beschienenen Seite des Lebens.
  5. Die Eigensprache des anderen: es wichtig, dass ein Schlüsselwort, das ich aufgreife tatsächlich die Eigensprache des anderen wiedergibt.

 


Ressourcenorientierung:

Technisch orientiert sich das idiolektische Gespräch an Schlüsselwörtern, die vermutlich mit günstigen Emotionen oder Lebensbezügen geladen sind. Damit ist die Idiolektik eine streng Ressourcen orientierte Methode. Forschungsergebnisse aus der Psychotherapie wie auch aus Neurowissenschaften zeigen, dass die Effektstärken von therapeutischen Interventionen dann am deutlichsten sind, wenn Menschen im Annäherungsmodus sind (Grawe 2004, Neuropsychotherapie). Im Annäherungsmodus befinden wir uns, wenn wir innerlich und thematisch mit Dingen in Berührung sind, die günstig sind, wo es uns gut geht, wir uns wohl fühlen etc. In der Idiolektik gibt es die leicht martialische Beschreibung des Hauptkriegsschauplatzes und des Nebenkriegsschauplatzes. Die Schwierigkeiten im Leben stellen vielfach Kriegsschauplätze dar, an denen wenig Bewegung oder Veränderung möglich ist. Die Nebenschauplätze bieten Möglichkeit für Handel, für Veränderung, für Wachstum und Heilung. Daher sind Gespräche oftmals dann effizient, wenn wir die vermeintliche Schwierigkeit nicht in den Mittelpunkt des Gesprächs rücken und sondern in einem respektablen Abstand hierzu vermeintliche Nebensächlichkeiten, oder so genannte Nebenkriegsschauplätze in den Mittelpunkt des Gesprächs rücken. Die Idiolektik ist eine Methode, die bereit ist, auf Umwegen zum Ziel zu gelangen. Mehr noch: die Idiolektik verzichtet auf die Vorstellung, dass es ein zu erreichendes Ziel gibt, um sich gänzlich dem Geschehen des gegenwärtigen Augenblick zu widmen. Dabei soll nicht geleugnet werden, dass es Dinge gibt, die erreicht oder verändert werden möchten. Das liegt jedoch nicht in der Kompetenz oder Zuständigkeit des idiolektischen Gesprächsleiters. Darüber hinaus leben wir in einer Zeit eines Veränderungsdiktates und der zwanghaften Lösungsorientierung. Es gibt viele Dinge, die sich entwickeln und gedeihen, sobald sie gewürdigt und anerkannt wurden, als das, was sie sind. Viele Dinge gedeihen nur deshalb nicht, weil die Würdigung und Anerkennung ausbleibt.

Die Ressourcenorientierung ist auch deshalb so wichtig, weil wir im Idiolektischen Gespräch zieloffen verweilen und das geht nur bei angenehmen Themen. Dennoch gibt es auch im Idiolektischen Gespräch Ziele: dazu unten mehr.



Einfache, konkrete, öffnende Fragen:

Die Fragen in der Idiolektik sind einfach, öffnend und konkret. Es ist hilfreich, zwischen öffnenden und verschließenden Fragen zu unterscheiden. Denn auch eine "geschlossene" (Ja/Nein) Frage kann öffnenenden und einladenden Charakter haben, während eine "offene" Frage durchaus verunsichernd und verschließend wirken kann. Fragen im idiolektischen Gespräch sind immer eine Einladung zu konkretisieren. Im Konkreten können wir dieses Leben wesentlich leichter bewältigen, als in Abstraktionen und Theorien. Handeln ist konkret, Denken tendenziell abstrakt. Sprache selbst ist ein System von Symbolen der konkreten Welt und daher abstrahierend. Aus diesem Grund flechten wir in jeden Satz - willkürlich oder unwillkürlich - fünf bis sechs Metaphern ein, damit wird die Sprach-Welt wieder etwas konkreter und fassbarer. Metaphern sind das Gegengift für den Geist, der sich in Abstraktionen und Theorien verliert.
Das idiolektische Gespräch fragt nach Beschreibungen, Unterscheidungen, möglichen Vorteilen, günstigen Aspekten und würdigt so das was da ist.

Fragen erzeugen eine Schieflage: es ist (fast) immer unhöflich, eine Frage nicht zu beantworten, während es selten als unhöflich gilt, zu fragen. Fragen sind damit gesellschaftlich geduldete (und zuweilen zelebrierte) Nötigungen. Eine sehr verbreitete Unsitte sind Fragen nach der Bedeutung von etwas ("was bedeutet für Dich..."). Im idiolektischen Gespräch sind diese Fragen nicht hilfreich! Bedeutungs-Fragen führen immer aus der konkreten Ebene heraus auf eine Meta-Ebene. Meist signalisieren sie Ungeduld des Fragenden.
Warum-Fragen sind zu vermeiden, weil sie Rechtfertigungen herausfordern. Fragen nach Gefühlen erweisen sich immer wieder als schwierig, weil diese der Sprache nicht leicht zugänglich sind und von daher viel Denkleistung erfordern. Zu dem sind Gefühle oftmals zu dicht an der Person, so dass sie den Gesprächsfluss einschränken können. Je einfacher und konkreter die Fragen, umso besser! Das klingt sehr leicht und ist im Gespräch mit unter sehr schwierig durchzuhalten.

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