Idiolektik in der Tinnitusberatung

(Petra Speth)

Ich arbeite seit 11 Jahren als Audiotherapeutin (DSB) in eigener Praxis. Mein Tätigkeitsbereich ist die Begleitung und Beratung von Menschen mit Schwerhörigkeit, Tinnitus und Geräuschüberempfindlichkeit. In der Tinnitus-Klinik Bad Arolsen konnte ich als Hörtherapeutin langjährige klinische Erfahrungen sammeln.

Meine Beratung basiert auf zwei Schwerpunkten, dem Wahrnehmungs- und Hörtraining sowie der Gesprächsführung. In diesem Kontext nutze ich im wesentlichen die Kenntnisse und Erfahrungen aus der idiolektischen Gesprächsführung. Die Erfahrungen aus dem Wahrnehmungs- und Hörtraining werden im Rahmen eines idiolektischen Gespräch reflektiert.

Allgemeines zu Tinnitus
Tinnitus ist der medizinische Begriff für Ohrgeräusche. Die lateinische Übersetzung für Tinnitus ist Geklirr, Geklingel. Es ist ein Geräusch das innerhalb des Hörsystems entsteht und nur für den Betroffenen hörbar ist. Es wird nicht durch eine äußere Schallquelle verursacht. Hierbei handelt es sich um die subjektive Wahrnehmung eines Geräusches. In sehr seltenen Fällen kann es sich auch um einen objektiven Tinnitus handeln, diese resultiert aus Gefäßerkrankungen. In ganz seltenen Fällen kann ein Tumor im Innenohr, das Akusikusneurinom zu einem Ohrgeräusch führen. Deshalb ist eine HNO-ärztliche Diagnostik erforderlich. Auslöser können unter anderem Lärmschäden, Hörsturz, Hals-Wirbelsäulenprobleme, Kiefergelenkstörungen, beruflich oder privat bedingter Stress sein.

Aus vielen Untersuchungen in Europa und den USA geht hervor, dass ca. 30 % der Bevölkerung bereits ein- oder mehrmals Tinnitus erlebt hat und dass ca. 10-15 % dauerhaft Tinnitus hören. Die meisten Menschen kommen mit diesem Ohrgeräusch gut zurecht. Sie haben es in ihrem Alltagsleben gut integriert. Bei 1-2 % der Bevölkerung führt der Tinnitus zu einer solchen Qual, dass die Betroffenen mit großem Aufwand nach weiteren Hilfsmöglichkeiten suchen.

Besonders in den Ruhephasen wird das Ohrgeräusch sehr störend erlebt. Es verhindert die Entspannung und die Einschlafsituation ist schwieriger geworden. Durchschlafstörungen können auftreten. Fehlender Ausgleich und Erholung führen dann zu Konzentrationsstörungen bei der Arbeit. Es kommt zu Problemen beim Zuhören. Bei bestehenden Hintergrundgeräuschen wird es schwieriger Stimmen herauszuhören.

Da die Ursachen der Tinnitusentstehung sehr vielfältig sind, werden verschiedenste Behandlungsansätze ausprobiert. Dabei kann es sinnvoll sein bei einem Orthopäden die Halswirbelsäule und bei einem gnathologisch ausgebildeten Zahnarzt das Kiefergelenk als mögliche Auslöser abklären zu lassen. In Einzelfällen kann sich daraus eine ursächliche Behandlung ableiten lassen die dem Betroffenen auch hilft. Häufig besteht der Tinnitus jedoch weiter, die erhoffte Linderung des Leidens kehrt sich in zunehmende Enttäuschung und Resignation, so dass sich die gesamte Lebenssituation immer mehr verschlechtert. Das Leben dreht sich nur noch um das Ohrgeräusch. Ein Teufelskreis, der das normale Leben zu einem täglichen Kampf werden lässt und zwangsläufig zu privaten und beruflichen Krisen führt. In vielen Fällen kommt es zu psychosomatischen Beschwerden, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Verlust von Entspannungsphasen oder Schwindelsymptomen.

Die meist geäußerte Aussage an Tinnitusbetroffene ist: "Du mußt lernen damit zu leben!" Das reicht aber nicht aus, denn entscheidend ist, wie man lernen kann, damit zu leben"

Die Beratung
Im Anamnesegespräch beschreiben die Klienten ihre persönliche Hörsituation. z B. wie sie die Tinnitussituation wahrnehmen, in welcher Lebenssituation bzw. – umständen der Tinnitus aufgetreten ist, was sich durch den Tinnitus verändert hat und welche Erwartungen sie an die Beratung haben.

Es erfolgt anhand eines otoneurophysiologischen Modells eine nachvollziehbare Aufklärung über die Hörverarbeitung. Dies bewirkt Klarheit und Sicherheit im Umgang mit dem Tinnitus. Mit der Hörübung: "auf alle Geräusche hören", bekommt die Klientin folgende Aufgabe, sie soll 10 Minuten im Park spazieren gehen und auf alle Geräusche hören. Die dabei auftretenden Erfahrungen werden im Gespräch reflektiere.

Anhand eines Tinnitusbewertungskreislaufes werden die Zusammenhänge des Hörens und die daraus resultierenden emotionalen Reaktionen erklärt. Alles was gehört wird ist mit dem limbischen System des Gehirns verknüpft. Alle Geräusche bekommen eine individuelle, emotionale Bewertung. Die Geräuschbewertung wird durch persönliche Vorerfahrungen, Stimmungen und körperliche Befindlichkeiten beeinflußt.

Mit der Blindführübung wird dieses Phänomen konkret erlebbar gemacht. Die Klientin bekommt die Augen verbunden und sie wird durch ein unbekanntes Gelände geführt. Im Anschluss bespreche ich die Erfahrungen mit ihr. Diese Wahrnehmungs- und Hörübung läßt sie erleben, daß die Wahrnehmungsqualität des Tinnitus beeinflusbar ist. Das Hörsystem wird aktiviert und die Umlenkung auf andere Sinnesorgane vermindert die Wahrnehmung des störenden Tinnitus. Es findt eine unbewußte Neubewertung des Ohrgeräusches statt. Die Gesetzmäßigkeit der Wahrnehmungspsychologie tritt in Kraft. Neues, Unbekantnes, Wichtiges tritt in den Vordergrund. Altes, Vertrautes – in diesem Fall der Tinnitus – tritt in den Hintergrund.

Daß der Tinnitus so bedrohlich und störend erlebt wird, hängt mit der persönlichen Bewertung zusammen. Es kann für ein innerseelisches Problem stehen, welches sich auf diese Art und Weise aufdrängt und bemerkbar macht.

Die Rolle der idiolektischen Gesprächsführung anhand eines Fallbeispiels
Im Folgenden idiolektischen Gespräch wird aufzeigt, wie die Klienten sprachliche Metaphern finden, welche dem Tinnitus enstprechen. Dies ermöglicht einen kreativen Zugang zur seelischen Verstrickung mit dem Tinnitus und eröffnet neue Perspektiven. Geschildert wird eine Gesprächssequenz mit einer Tinnitus Klientin aus einem Anamnesegespräch. Erläternde Kommentare sind kursiv geschrieben.

Falldarstellung
Es handelt sich um eine Frau, 55 Jahre alt, verheiratet, 2 Kinder im Alter von 6 und 8 Jahre, berufstätig. Sie hat seit 6 Monaten Tinnitus. Ausgelöst durch eine hohe berufliche Arbeistbelastung. Sie steht sehr unter Streß, Familie und Beruf zu koordinieren. Sie kam zur Beraterin nachdem sie alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft hatte. Sie wirkt depressiv und erschöpft.

Die Beraterin lässt sich im Ananmesegespräch die Art und Weise des Tinnitus in Form eines vergleichbaren Tons oder Bildes beschreiben. Durch diese Vorgehensweise nimmt sie erst einmal Abstand zu dem bedrohlichen Tinnitus. Die Klientin bekommt dadurch die Möglichkeit sich die Situation aus einem neuen Blickwinkel anzuschauen.

Beraterin: Mit welchem Geräusch könnten sie den Tinnitus vergleichen?

Klientin: Ich sehe eine Trillerpfeiffe?

Frau Speth: Was ist eine Trillerpeiffe?

Frau L: (Ein kurzes Lachen entsteht.)
Eine Trillerpfeiffe? Sie stellen aber wunderliche Fragen.

Durch die Frage nach dem individuellen Bedeutungsgehalt der Trillerpfeiffe entsteht eine kurze Irritation.

Frau Speth: Wofür braucht man eine Trillerpfeiffe?

Frau L. Eine Trillerpfeife ist bei einem Ballspiel wichtig.

Frau Speth: An was für ein Ballspiel denken sie dabei?

Frau L: An ein Handballspiel. Ich habe früher Handball gespielt.
(Frau L. wird etwas entspannter und gelassener beim erzählen über das Handballspiel)

Durch das aufgreifen des Schlüsselbegriffes "Ballspiel", entsteht der Zugang zu einer konkreten Lebenserfahrung.

Frau Speth: Möchten Sie mir etwas über Handball erzählen?

Frau L: Ich habe in einer Mädchenmannschaft gespielt. Wir waren richtig gut, wurden sogar Bezirksmeister. Am liebsten habe ich im Angriff gespielt. Ich konnte sehr gut die Freistöße umsetzen.

Frau Speth: Was ist denn ein Freistoß?

Frau L. Der entsteht wenn ein Faul von der gegnerischen Mannschaft durchgeführt wurde. Dann pfeifft der Schiedsrichter, da es sich um einen Regelverstoß handelt. (Sie wird ganz still – es entsteht eine längere Pause)

Frau Speht: Wartet bis die Klientin von sich aus weitersprechen möchte.

Die Klientin bestimmt Tempo und Rhythmus des Gespräches. Pausen sind ebenso wichtig wie Worte, da in Pausen Verknüpfungen stattfinden können Eine zu schnell gestellte Frage kann diesen Prozess stören. Die Perspektive der handballspielenden Jugendlichen und das Pfeiffen des Schiedsrichters bewirkt eine Assoziation mit dem Pfeiffgeräusche des Tinnitus.

Frau L: Das gibt es doch nicht.

Frau Speth: Was gibt es nicht?

Die Beraterin stellt selbst keine verbale Verknüpfung her. Sie lässt die Klientin selbst die Verbindung entwickeln.

Frau L. Na ja, das mit der Trillerpfeiffe. So ein Schiedsrichter regelt mit der Trillerpfeiffe das Spiel.

Frau Speth: Wie regelt der Schiedsrichter das Spiel?

Frau L. Er pfeifft wenn jemand einen Regelverstoß begangen hat. Er pfeifft sozusagen die Spieler zurück. Das ermöglicht den Spielern, dass keiner benachteiligt wird. Er weist sie in ihre Grenzen. ( sie lacht ganz laut) Das gibt es doch nicht?!?

Frau Speth: Was meinen sie damit, da gibt es doch nicht?

Die Beraterin bleibt bewußt "unwissend" und lässt sie die Bezüge zu ihrer konreten Lebenssituation selbst entwickeln.

Frau L. Bei mir ist das genauso, ich bin noch immer auf der Position des Angriffs. Immer muß ich alles in die Hand nehmen und regeln. Mit meiner Familie und bei der Arbeit. Und wenn mich jemand fault – ja dann...

Sie befindet sich jetzt auf beiden Ebenen, zu Hause und im Spiel. Aus der sicheren Position der Handball spielenden Angreiferin fällt es leichter sich die Situation zu Haus anzuschauen.

Frau Speth: Was ist dann?

Die Beraterin geht nicht auf das Wort faul ein, da es vermutlich ein emotional negativ besetztes Wort ist. Sie bleibet bewußt offen mit der Fragestellung und knüpft an den nicht vollendeten Satz an.

Frau L. Pfeifft mein Tinnitus – das ist die Trillerpfeife!

Es findet eine direkte Verknüpfung mit dem Ohrgeräusch statt.
Das Ohrgeräusch bekommt einen individuellen Bedeutungsgehalt für die Klientin. Dies ermöglicht ihr, den sonst ohne konkreten Inhalt wahrgenommenen Tinnitus mit neuen Gedanken zu verknüpfen. Damit kann eine Beziehung zwischen dem Körpersymptom und der Verhaltensebene hergestellt werden. Die emotionale Bewertung des Tinnitus verändert sich durch die Verknüpfung auf der konreten Ebene.
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