Idiolektische Kurzpsychotherapie -



ein ressourcenorientiertes Psychotherapieverfahren mit neurowissenschaftlichen und evolutionär-paläoanthropologischen Grundlagen

Daniel Bindernagel, Peter Winkler


Die Wurzeln


Die Idiolektische Psychotherapie  ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das in den 60er/70er Jahren des 20. Jahrhunderts durch A.D. Jonas, einem amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten entwickelt und durch ihn im deutschsprachigen Raum eingeführt und gelehrt wurde. Andere Anwendungsformen in Beratung und Kommunikation kamen, wie bei vielen anderen psychotherapeutischen Verfahren im Laufe der Zeit hinzu. Es handelt sich um eine Methode, die besondere Schwerpunkte in der Behandlung von psychosomatischen Störungen und Zwangsstörungen aufweist und sich als hilfreich in der Behandlung z.B. von Angststörungen, depressiven, posttraumatischen und Anpassungsstörungen gezeigt hat.



Beim Eingehen auf die Eigensprache werden mikroprozessuale Signale des Klienten sehr detailliert aufgegriffen und zur Exploration genutzt. Fokussiert werden dabei die individuelle Art der Sprachverwendung und Bedeutungsgebung, non- und paraverbale Signale, parallel laufender intrapsychischer Prozesse,  der Ausdruck somatischen Erlebens, geschildertes Sozialverhalten sowie implizite und explizite Metaphern. 



Das Grundmodell der idiolektischen Methode ist ein Katalysatormodell. Es wird davon ausgegangen, dass beim Klienten ein Wissen über den Zustand des eigenen Organismus sowie über Ressourcen und heilende Kräfte vorliegt, das bewusstseinsnah ist und durch das Eingehen auf die individuelle Sprache zugänglich ist. Dieses Wissen wird als die "innere Weisheit" des Klienten bezeichnet. Konsequenterweise wird in jedem Verhalten und jedem organismischen Zustand des Klienten ein bereits ablaufender (nicht immer vollständig gelungener) konstruktiver Prozess zur Herstellung eines Gleichgewichts identifiziert.



In der idiolektischen Psychotherapie wird zunächst der Schwerpunkt auf das Einsteigen in die Gedankenkreisläufe und das gezielte, allerdings indirekte und implizite Unterbrechen und Umlenken festgefahrener Muster gelegt. Nach der Auflockerung festgefahrener kognitiver Muster werden anschließend mit anderen Methoden der Exploration alternative, ressourcenaktivierende, möglicherweise "verschüttete" Sichtweisen des Klienten weiter "zu Tage gefördert".



Bei der Entwicklung der Idiolektischen Psychotherapie haben verschiedene wissenschaftliche Ansätze und erkenntnistheoretischen Ströme ein Rolle gespielt:



Entwickelt wurde die Methode von A.D. Jonas ausgehend von einem psychoanalytischen Ansatz, wie er von Freud begründet und später von Felix Deutsch fortgeführt und weiter entwickelt wurde. Einige Elemente des tiefenpsychologisch fundierten Psychosomatikansatzes nach Felix Deutsch  können als Vorformen der heutigen Idiolektischen Psychotherapie angesehen werden. Nach wie vor gemein mit dem psychoanalytischen Ansatz hat die Idiolektik die Tiefenstruktur und Mehrfachbesetzung kommunikativer Signale und die Überzeugung, dass sich auf verschiedenen Ebenen verschiedene Bedeutungsgehalte und psychodynamische Hintergründe mitschwingen. Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist eine assoziative Vorgehensweise, die in der Psychoanalyse mit dem Begriff der freischwebenden Aufmerksamkeit und in der Idiolektik mit Zieloffenheit und dem Konzept der Paralogik in Zusammenhang gebracht wird.



Eine weitere wichtige Wurzel der Idiolektik ist der evolutionäre Ansatz in der Psychotherapie und Psychosomatik, wie er bezogen auf psychosomatische Symptome zuerst von W.B. Cannon beschrieben wurde. Cannon formulierte evolutionär bedingte Notfallreaktionen, mit denen der Organismus  auf Bedrohungssituationen unmittelbar mit abrufbaren Reaktionsmustern wie Angriff, Flucht und Verteidigung vorbereitet. Dieser Ansatz war die Grundlage der heutigen Stressforschung sowie für die evolutionäre Erforschung bezüglich menschlichem Verhalten und Körperreaktionen. A.D. Jonas beschrieb auf der Basis von biologischem, physiologischem, medizinischem,  psychologischem und psychosomatischem Wissen bereits in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Fülle von "archaischen Relikten", d.h. seelisch und körperlich manifestierten Verhaltensmustern, die aus unsere frühmenschlichen und vormenschlichen Vergangenheit stammen und bei der Entwicklung psychosomatischer Symptome abhängig von spezifischen auslösenden Erziehungs-, Erlebens- und Verhaltensmustern eine wesentliche Rolle spielen. A.D. Jonas baute diese archaischen Muster in sein psychotherapeutisches Konzept ein, in dem er sie als ressourcenorientierte Erklärungsmodelle nutzte, um unverständliche und Angst machende, anscheinend „ver-rückte“ Reaktionen des Körpers in einem biologischen Sinnzusammenhang wieder "zurecht-zu-rücken".



Zudem ließ sich Jonas aus der Art der einfachen und von nonverbalen Signalen geprägten Kommunikation der Primaten, die er während seiner Forschungen im ethologischen Bereich beobachtete, zu einer radikalen Vereinfachung der psychotherapeutischen Gesprächs- und Kommunikationsmethodik inspirieren, mittels gezielter Berücksichtigung und Verwendung nonverbaler Signale analog der Grundmuster des genetisch fundierten menschlichen sozialen Austausches, wie er etwa z.B. im "Plaudern" zum Ausdruck kommt.



A.D. Jonas integrierte das zu seiner Zeit aktuelle neurophysiologische Wissen in sein psychotherapeutisches Konzept und wies auf Parallelen der psychodynamischen und der neurophysiologischen Verarbeitung hin. Heutige aktuelle Forschungen zum Beispiel auf dem Gebiet der neuronalen Sprachgenerierung und der Verknüpfung der Sprachzentren mit verschiedenen vegetativen und  limbischen und anderen neuronalen Strukturen, zur neurophysiologischen Rolle der Gefühle im kognitiven und somatischen Kontext, sowie zur physiologischen Konkretisierung des Resonanzphänomens mit der Entdeckung der "Spiegelneuronen" bestätigten im wesentlichen seinen Ansatz und ergänzen ihn. Die idiolektische Methode ist von der Sicht des Klienten, seiner Möglichkeiten zur Problemlösung bis hin zur mikroprozessualen Beschreibung des psychotherapeutischen Vorgehens konsequent ressourcenorientiert.




Die Ziele



Ein Hauptziel der Idiolektik ist, dem Klienten einen Zugang zu sich selbst auf möglichst vielen Ebenen zu ermöglichen. Dies umfasst einen kognitiven, einen emotionalen und einen vegetativ-körperlichen Zugang. Als übergeordnetes Ziel kann gelten, den Klienten einem Zustand der inneren Zustimmungsfähigkeit zu sich selbst näher zu bringen. Der Klient soll in den Stand versetzt werden, die Signale, die er permanent ausdrückt und aussendet, für sich und seine körperliche und seelische Gesundheit zu erkennen und zu nutzen, soweit es aus seiner Sicht notwendig und nützlich ist. 
Ein weiteres  Ziel besteht darin, dem Klienten erfahrbar zu vermitteln, dass er über eine innere Weisheit und gute Gründe für sein Verhalten verfügt. Der Klient soll ein gutes Zutrauen in die eigenen Ressourcen erlangen, womit die Basis für eine Verminderung von Selbstvorwürfen, inneren Zwängen und Konflikten gelegt wird.



Im Zusammenhang mit dieser Ressourcenorientierung ist es ein Ziel in der Idiolektik, Sinnerleben bei dem Klienten aufzugreifen und zu stärken. Nach A.D. Jonas ist das Erleben von Sinn, Spiritualität und Ritualen ein Bedürfnis, das seit der Urzeit in uns angelegt ist.


Ein weiteres Ziel ist die Symptomreduktion, soweit dieses Ziel durch den Klienten definiert wird. Dieses Ziel wird jedoch in der Regel  nicht direkt angestrebt, sondern wird auf indirekte Weise  oft leichter erreicht. Häufig kann durch eine umfassende Würdigung der Guten Gründe für das Verhalten des Körpers oder durch paradoxe Interventionen eine Symptomreduktion erreicht werden. Dabei ist es wichtig, dass sich der Therapeut nach erfolgter Auftragsklärung so weit wie möglich von direkten Zielvorgaben befreit.  Es wird keine umfassende Persönlichkeitsveränderung als Voraussetzung für Gesundheit oder Heilung per se angestrebt oder vorausgesetzt. Das Ziel der Symptomreduzierung wird im Kontext der Gesamtwirkungszusammenhänge gesehen. Es kann aber auch Kontexte geben, in denen die Option einer optimalen Symptomreduzierung zugunsten eines für den Klienten höherwertigen Ziels (zunächst) durch diesen zurückgestellt wird. 



Gibt es von Seiten der Institution oder des Kostenträgers des Therapeuten einen Zielkonflikt mit den Zielen des Klienten ist es Aufgabe des Therapeuten, eine Zielklärung herbeizuführen, die eigene Rolle dabei transparent zu machen, Freiräume und Grenzen offen zu legen. Der Therapeut klärt für sich, ob eine idiolektische Psychotherapie im jeweiligen Kontext eine angemessene Hilfestellung ist. Er berät den Klienten bei der Entscheidung, ob unter den gegeben Rahmenbedingungen diese Form der Psychotherapie für den Klienten sinnvoll ist.



Ein weiteres Ziel der Idiolektischen Psychotherapie besteht darin, festgefahrene und zwanghafte Gedankenstrukturen des Klienten auflockern zu helfen und diesem einen Zugang zu möglichst freien Entscheidungen bei wählbaren Alternativen zu ermöglichen.



Als Kurzpsychotherapie ist es selbstverständlich das  Ziel, innerhalb von einer absehbaren Zeit (in der Regel zwischen 10 – 30 Sitzungen) zur Erreichung des definierten Ziels der Therapie zu kommen. Ist aber in der Anfangsphase der Behandlung schon ersichtlich, dass eine längerfristige therapeutische Begleitung indiziert ist und eine anfängliche therapeutische Begleitung mit der idiolektischen Methode sinnvoll ist, wird das Ziel insoweit modifiziert. Es geht dann darum, eine Auflockerung und Öffnung für eine möglichst optimalen Einstieg in eine Langzeitbehandlung  zu erreichen und einen Beitrag zur Klärungsarbeit und Symptomverminderung zu leisten.

Das therapeutische Vorgehen

Das idiolektische Vorgehen kann wie folgt zusammengefasst werden: Der Therapeut ermöglicht dem Klienten zunächst über die Eigensprache einen Einstieg in seine eigene Welt zu finden und angedeuteten Ressourcen zu folgen. So ermöglicht er ihm einen erweiterten Zugang zu sich selbst. Über eine sorgfältige idiolektische Exploration können sich hierbei Hinweise auf die Art der Verarbeitungsmechanismen und einen möglichen adaptiven Sinn des Verhaltens ergeben. Dabei werden die guten Gründe für sein individuelles Verhalten und sein einzigartiges "so sein" immer wieder ins Zentrum gerückt. Im weiteren therapeutischen Verlauf können verschiedene Techniken und Strategien zum Einsatz kommen, die auf ressourcenorientierte Weise einen Einstieg und eine Begleitung in angebotenen Metaphern ermöglichen und ein wechselseitiges Resonanzphänomen bei Klient und Therapeut auslöst. So erhält der Klient immer mehr Einblick in die psychische, psychosomatische und soziale Situation und Zugang zu sich selbst und seinen Ressourcen. Dieser Zugang wird möglich durch neue Verknüpfungen, die beim Klient im Resonanz fördernden intersubjektiven therapeutischen Prozess selbst  entstehen und so Weiterentwicklung ermöglicht. 
An Stellen, an den es z. B. aufgrund festgefahrener Gedankenkreisläufe und Fixierungen nicht weiter geht, kommen entsprechende Techniken zur Auflockerung und kognitiven Umstrukturierung zum Einsatz. 
Im Therapieverlauf gibt es kein Stufenschema, wie es beispielsweise aus der kognitiven Verhaltenstherapie bekannt ist. Jede Sitzung beginnt neu. Der Klient bestimmt, was besprochen wird. Ihm wird es überlassen, ob er an der vorherigen Sitzung inhaltlich anknüpfen will.



Die Indikationen 



Die Indikation für die Idiolektische Kurz-Psychotherapie liegt bei allen Problemen und Schwierigkeiten, in denen innere Konflikte und Selbstabwertungen eine Rolle spielen. Besonders hervorzuheben sind psychosomatische, depressive sowie Angst- und Zwangsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen, die keine wahnhaften oder dissozialen Elemente beinhalten, sowie Entwicklungsstörungen, bei denen innere Konflikte und Selbstabwertung eine Rolle spielen. Auch die Bewältigung von Beziehungsproblemen und Trennungen mit entsprechenden seelischen und körperlichen Folgeerkrankungen sind mögliche Indikationen. Schwerpunkte liegen bei psychosomatischen Störungen sowie Störungen, bei denen Zwangsgedanken eine Rolle spielen. Der Begriff Psychosomatik ist hierbei im umfassenden Sinne zu verstehen und umfasst im Bereich der psychischen Störungen sowohl die somatoformen, dissoziativen und hypochondrischen Störungen, vielgestaltige Funktionelle Beschwerden (z.B. im Bereich Schlaf, Sexualität oder Schmerzsyndromen), sowie körperliche Begleiterscheinungen psychisch bedingter Störungen und Konflikte. Im Bereich von somatischen Erkrankungen umfasst es die Bedingung oder Chronifizierung körperlicher Störungen durch seelische Faktoren sowie die seelische Verarbeitung chronischer Erkrankungen.
Komplementär ergänzt werden muss die idiolektische Psychotherapie abhängig vom Schweregrad und der Art der psychischen Störung durch aktivere und stärker intervenierende und strukturierende Techniken und Verfahren.  Dies ist bei Erkrankungen aus dem schizophrenieformen Spektrum, bei Persönlichkeitsstörungen mit wahnhaften und dissozialen Anteilen, Suchterkrankungen inkl. Verhaltenssüchten und Essstörungen und schweren chronischen psychischen Erkrankungen mit dem entsprechenden Fachwissen und Berufserfahrung sehr gut möglich. Oft muss in diesen Fällen der Psychotherapieprozess stärker strukturiert werden. Beispielsweise bei  Suchterkrankungen, Verwahrlosungstendenzen und Störungen des Sozialverhaltens müssen die Rahmenbedingungen der therapeutischen Behandlung aktiv von Seiten des Therapeuten klar und unmissverständlich definiert und vermittelt werden. Dies erfordert in Ergänzung zur Idiolektischen Methode eine aktive definitorische Aktivität des Therapeuten. Innerhalb dieses Rahmens kann die idiolektische Psychotherapie durchaus hilfreich eingesetzt werden. Die Grenzen werden - wie bei anderen Methoden auch - erreicht, sobald die Rahmenbedingungen in Frage gestellt werden. Bei bestimmten Störungsbildern (wie z.B. Suchterkrankungen, Impulskontrollstörungen, Behandlung von Straftätern etc.) braucht es neben stärkerer Aktivität des Therapeuten in Ergänzung auch störungsspezifische  Behandlungselemente, sowie eine erweiterte Auftragsklärung mit einer "dritten" auftraggebenden Instanz. Bei der Behandlung von Kindern kann zum Beispiel die Sicherung des Kindesschutzes eine Rahmenbedingung sein, die zunächst erfüllt werden muss, bevor eine psychotherapeutische Behandlung beginnen kann.
 In der Praxis hat sich gezeigt, das die idiolektische Methode sehr gut kombinierbar und kompatibel ist zu anderen Ansätzen ist, sei es zur Kognitiven Verhaltenstherapie, zu tiefenpsychologischen Ansätzen, humanistischen, systemischen Methoden oder zur positiven Psychotherapie.



Nicht kombinieren lässt sich die Idiolektische Psychotherapie mit therapeutischen Vorgehensweisen, die stark konfrontativ vorgehen oder in einer anderen Weise Druck auf den Klienten ausüben.
Diese in der Regel gute Kombinierbarkeit liegt zum einen an der sehr natürlichen und flüssigen Gesprächsführungstechnik, die, wie viele Weiterbildungsteilnehmer anderer Schulen bestätigten, den Zugang zum Klienten auch mit anderen Methoden wesentlich erleichtert. Zum anderen erleichtert der eher pragmatische Ansatz der Idiolektik ohne "hypertrophierten" philosophischen Überbau eine Kompatibilität zur therapeutischen Philosophie anderer Ansätze.



Kontraindiziert ist die idiolektische Kurzpsychotherapie in der Regel bei akuten psychotischen Störungen, da vor allem der offene assoziative Stil (Paralogik) der Gesprächsführung mit sehr vielen bildhaften Elementen eine Verstärkung wahnhaften Erlebens beim Klienten hervorrufen kann. David Jonas hat zwar in seinen Weiterbildungsseminaren auch erfolgreiche Zugänge zu Klienten mit wahnhaften Störungen demonstriert, die Vorgehensweise im Umgang mit Bildern war aber in diesen Fällen in Form einer stärkeren Strukturierung und führenden Konkretisierung deutlich modifiziert. Ein solches Vorgehen bleibt in der Behandlung akuter psychotischer Störungen erfahrenen Psychiatern und Psychotherapeuten vorbehalten.
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