Idiolektik im Anwendungsfeld von Pflege

Pflegende sehen als ihr zentrales berufliches Verständnis die Sorge um das Wohlbefinden von pflegebedürftigen Menschen in ihren je einmaligen Situationen. Dazu haben sie Theorien, Konzepte und Standards entwickelt, um zu unterstützen, zu beraten und zu pflegen. Das wesentliche Medium dazu ist die Sprache.

Die Idiolektik, als methodischer Umgang mit der Eigensprache ermöglicht gerade in hervorragender Weise hierzu einen Zugang zum Menschen, ob krank oder gesund und bietet damit der Pflege eine neue Qualität der verbalen und nonverbalen Kommunikation.

Die Haltung in der Idiolektik:
Das Prinzip der Selbstorganisation – die innere Weisheit eines Menschen – wird als einzige Kraft der Veränderung anerkannt. Für die Pflegenden bedeutet das, dass sie dem zu pflegenden Menschen, in der Gewissheit, dass dieser um seine Gesundheit am besten bescheid weis, begegnen können.
In der kompromisslosen Anerkennung der Sichtweise des Anderen liegt eine wertfreie Haltung zugrunde, die große Sensibilität und Achtung erfordert. Erst auf dieser Grundlage kann Vertrauen und Beziehung aufgebaut werden. Pflege als Beziehungsprozess kann hier über berufliche Haltung ausgedrückt werden.
Idiolektisch kommunikative Zuwendung ist zieloffen und absichtslos. Gelingt es Pflegenden sich so dem Menschen zu nähern, eröffnet sich für sie die individuelle Welt des anderen. Aus dieser Ressource können Potentiale zu mehr Wohlbefinden und Gesundheit erwachsen.

Methoden der Idiolektik:
Worte sind Symbole, werden diese als Schlüsselwörter, Metapher oder Bilder sprachlich aufgegriffen, so läuft das Gespräch mit Thema, Ton und Tempo vom anderen geleitet. In dieser Weise kann die erzählende Person für sich Gedanken klären und Erkenntnisse gewinnen.
Fragestellungen haben methodische Bedeutung. Offene Fragen engen nicht ein und ermöglichen den anderen das zu sagen, was für ihn wesentlich ist. Um professionell zu handeln, braucht die Pflegeperson die Fähigkeit den Pflegebedarf zwischen Regelwissen (Standards) und individuellem Fallverstehen (Bedürfnisse) zu ermitteln. Mit der idiolektischen Gesprächsführung können hier authentische Informationen gewonnen werden, z. B. in der Pflegeanamnese.

Beispiel aus der Pflegepraxis:
Eine Pflegefachperson führte folgendes Gespräch:

Situation: Während einer Standardpflegehandlung (Urinablassen) äußert ein Patient:

Pat.: "Ich will nicht mehr auf der Welt sein!"
Ich: "Was möchten Sie mir erzählen?"
Pat.: Ich habe mir nicht vorgestellt, dass Altwerden so schwer ist… (Pat. redet 5 Minuten)
Ich: (habe zugehört)
Pat.: "…im Himmel sieht alles ganz anders aus!" (Pat. wendet den Blick ab)
Ich: "Wie sieht es denn im Himmel aus?"
Pat.: (zögert kurz) "Da ist alles so leicht und vor allem habe ich keine Schmerzen mehr!"
-- Gespräch kippte in eine froh gelaunte und positive Stimmung...

Bemerkung: Pat. hat in vorangegangenen Situationen die Schmerzen nie erwähnt, Folge: Pat. erhielt eine adäquate Schmerztherapie und konnte danach unbeschwerter und ohne Schmerzen leben...
Ich: "Danke für und an die Idiolektik!"

In diesem Gespräch sind die Elemente der idiolektischen Gesprächsführung zu erkennen. Am Anfang stellt die Pflegefachperson eine offene Frage: "Was möchten Sie mir erzählen?" Daraufhin kann der Patient das sagen, was ihm wichtig ist. Als der Patient eine vermeintliche Schlüsselaussage macht: "Im Himmel sieht es ganz anders aus", erkennt die Pflegefachperson, dass in dieser Äußerung vielleicht eine Bedeutung steckt. Sie stellt wiederum nur eine offene Frage: "Wie sieht es denn im Himmel aus?" Der Patient kann seine Schmerzen ausdrücken.

Pflegende haben oft wenig Zeit, um mit Patienten zu reden. Man sieht an diesem Gespräch, dass in nur kurzer Zeit wichtige Informationen hervortreten. Der Patient lag ca. 7 Wochen auf der Station und es war ihm – aus welchem Grund auch immer – nicht möglich seine Schmerzen bekannt zu geben. Hier ist die Bedeutung einer adäquaten Schmerztherapie für die Lebensqualität des Patienten, aber auch für die professionelle Leistung der Pflegefachperson zu sehen.
Des Weiteren ist zu sehen, dass ein Gespräch, am Anfang doch sehr schwer begonnen, in einem kurzen Verlauf an Leichtigkeit gewinnt. Nicht etwa durch "es wird schon wieder", sondern durch offene Fragen, mit der entsprechenden Haltung von zuhören und das wesentliche in den Ausgesprochenem zu erkennen. Das kann gelernt werden. In einem Nachgespräch sagte die Pflegefachperson: "Früher hätte ich auf so eine Aussage: "Ich will nicht mehr auf der Welt sein", nicht gewusst was ich antworten sollte und wäre beim Patienten nicht stehen geblieben."

Durch eine idiolektische Haltung und Kommunikation können Pflegende die Qualität ihrer Arbeit vertiefen. Damit tragen sie zum Wohle des Patienten bei, aber auch ihr eigenes Wohlbefinden ist wichtig und kann gestärkt werden.

Dieses Gesprächsbeispiel war einem Studenten nach einem Seminar im 3. Semester an der Katholischen Fachhochschule in Mainz möglich. Ich danke ihm.

September 2008

Prof. Dr. Christa Olbrich
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