Idiolektik in der Lebens- und Sozialberatung


von Thorsten Ellensohn




Der Tätigkeit einer Lebens- und SozialberaterIn (Psychologische Beratung) kommt meiner Meinung nach eine immer höhere Bedeutung in Bezug auf unsere gesellschaftliche Lebensrealität insgesamt zu. Dies gilt in Bezug auf das Glücken oder Scheitern von Lebensentwürfen, aber auch in Bezug auf Problemlösungen von Menschen, die sich in persönlichen oder sozialen Übergängen und/oder Krisen befinden und Ihre Hilfe in Fragen ihrer Lebensgestaltung beanspruchen. Rilke schreibt in einem seiner Gedichte: "...alles ist austragen und gebären". IdiolektikerInnen würden dazu "lassen" sagen. 



Im Bereich des Wissens, in dem unsere Klienten sich bewegen, gibt es kaum "harte", objektive, wahre Wirklichkeiten; es gibt vorwiegend "weiche", subjektiv erlebte und erzählte Realität. Darin liegt zum einen Begrenzung und Unsicherheit, zum anderen auch Offenheit und Chance von Veränderung und Wandel. So gibt es auch keine vorgefertigten lernbare Lösungen, sondern ein sich allmählich entfaltendes Wissen, das ein mit den Klienten gemeinsames Finden gangbarer Lösungswege, Problembewältigungen und Lebensgestaltungen ermöglicht. Idiolektik unterstützt KlientInnen und BeraterInnen bei der Arbeit rund um Konstruktionen eigener Lösungen.



Es handelt sich darum eine kooperative Zusammenarbeit mit unseren Klienten zu erarbeiten, die es ermöglicht, passende, realistische, lebbare Antworten auf die Fragen und Anliegen unserer Klienten zu finden. Idiolektik ist eine ausgesprochen kooperative Gesprächsform.



Im Zentrum des Denkens und Handelns stehen dabei die Lösungen, nicht die Probleme; die Stärken und Fähigkeiten des Klienten, nicht seine Defizite; die Kooperation, nicht die Macht; die Autonomie des Klienten, nicht die Autorität der Beraterin.



Im Rahmen einer konstruktivistischen Sichtweise verstehe ich meine KlientInnen als Autoren ihres Lebensdrehbuches. Sie konstruieren sich ihre Wirklichkeiten selbst. Menschen sind Geschichtenerzähler und sie neigen zu den Geschichten zu werden die sie erzählen. Idiolektik unterstützt das Erzählen von Geschichten.

Der Erfolg einer Beratung hängt dabei, ohne Rücksicht auf das methodische Vorgehen, von der Beratungsbeziehung zum Klienten ab. "Ohne eine offene, vertrauensvolle und auf Zusammenarbeit orientierte Beziehung aller Beteiligten ist keine Erfolg versprechende Beratung möglich. Keine noch so differenzierte Methodenauswahl und kein noch so gekonnter Methodeneinsatz können Beratungserfolg, die Kontinuität von Beratungsprozessen und die Verbindlichkeit von gemeinsamen Beratungsabsprachen sichern, wenn keine positive und von Vertrauen getragene Beratungsbeziehung existiert". (Frank Nestmann, Handbuch der Beratung, Bd. 2)



Menschen die mit Idiolektik arbeiten haben sind mit einem besonderen Menschenbild verbunden. Getragen von Empathie, Wärme und Akzeptanz, Echtheit und Authenzität 



zuhören statt reden,
fragen statt sagen,

respektieren statt Recht haben

und vielleicht ein bisschen verstehen



Methodisch bietet nun einfaches aufgreifen der Eigensprache (Idiolektische Technik), eine Hilfestellung diesen guten Draht aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Die dabei zugrunde liegende Haltung ist ein tragendes Element: ich schätze dich, du bist einzigartig, die Lösung liegt bei dir, du weißt was für dich gut ist, die Lösung steckt nicht im Problem, du hast gute Gründe für dein Denken und Handeln

.

Wenn wir davon ausgehen, dass unsere KlientInnen mit einem Veränderungsauftrag zu uns in die Praxis kommen, trifft das vielleicht auf 20% der Fälle zu. Bei diesen KlientInnen stelle ich fest, dass sie über Bereitschaft, Einsicht und Selbstverantwortung verfügen und es kann zielorientiert gearbeitet werden. Bei weiteren 20% der Fälle handelt es sich um Menschen, die mit einer Klage über andere Menschen, quasi mit einem Veränderungsauftrag für andere, in die Praxis kommen ("Der muss sich ändern, so geht das nicht mehr."). Bei diesen KlientInnen hilft mir Idiolektik in der Weise, dass jeder Mensch gute Gründe hat und ich ihn annehmen kann ohne wenn und aber. Bei den meisten Fällen führt "annehmen ohne wenn und aber" zu einer Veränderung (vielleicht zu vergleichen mit dem Begriff "joining the resistance" aus der systemischen Therapie). In den restlichen 60% der Fälle, haben wir es mit Menschen zu tun, die keine genauen Angaben über ein Problem oder Ziel machen können. Sie wissen vielleicht "nur", dass es ihnen nicht gut geht, aber nicht über was sie bei uns in der Beratung sprechen sollen. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell Idiolektik für diese KlientInnen Hilfe bietet und ein gemeinsames Arbeitsbündnis entsteht.
Neu erschienen:
Demnächst: